+++ Forum der Brillenmacher+++
Home
Wir über uns
Geschichte d. Brille
Bücher und mehr
Brillenmacher
Interessante Links
Kontakt

 

  Interview mit Titus Müller- Autor des Romans " Die Brillenmacherin"

 



DBG :Wie sind Sie auf das Thema Brillenmacherei gekommen?
Titus Müller :Einen Zeitungsartikel über die Optik im Mittelalter hatte ich mir schon vor Jahren ausgeschnitten, um die Idee für einen Roman zum Thema festzuhalten. Dann kam die Geschichte der "Bedeckten Ritter" hinzu, und ich fand, dass beides gut zusammenpasste.

DBG: Wie sahen Ihre Recherchen zum Thema aus?
Titus Müller :Am meisten geholfen hat mir das Handbuch zur Geschichte der Optik, Bände I und III, von E.-H. Schmitz (Bonn 1981). Aber auch andere Bücher gaben Hinweise:

Frank Rossi: Die Brille. Eine Geschichte der Sehhilfen, Leipzig 1989
Emil Wilde: Geschichte der Optik, Teil I, Wiesbaden 1843
Edmund Hoppe: Geschichte der Optik, Wiesbaden 1967 (unveränderter Nachdruck von 1926)
Inge Keil: Augustanus Opticus. Johann Wiesel (1583-1662) und 200 Jahre optisches Handwerk in Augsburg, Berlin 2000
Nils Jockel: Ausstellungskatalog "Vor Augen", herausgegeben vom Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg 1986

Ich habe auch selbst ausprobiert, Brillengläser zu schleifen. Das Ankleben des Stiels funktionierte, aber das Schleifen habe ich nach kurzer Zeit aufgegeben.


DBG:Sind Sie gerne Brillenträger und können Sie sich noch an Ihre erste Brille erinnern?

Titus Müller :Ich war fünf Jahre alt, als man mir meine erste Brille aufsetzte. Plötzlich sah ich klar -- was ich vorher nicht getan hatte. Ein Genuss! Ich habe, nach Berichten meiner Familie, erstaunt gesagt: "Es ist alles so sauber."


DBG: Wie heißt Ihr aktuelles Buch und ist ein zweiter Teil der Brillenmacherin geplant ?

Titus Müller : Im März 2010 erscheint "Die Jesuitin von Lissabon". Ein zweiter Teil zur "Brillenmacherin" ist schon lange geplant, aber ich kann noch nicht sagen, wann er erscheinen wird.

 

 

 

 

Buchbesprechungen:

Ich schraube , also bin ich     ( v. Matthew B. Crawford - Ullstein Verlag)
Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen


Über den Autor: Crawford hat einen bewegten Lebenslauf, zunächst macht er eine Ausbildung zum Mechaniker, studiert und macht seinen Doktor. Er verdient gutes Geld u.a. in einem ThinkTank der Lobbyarbeit für die Ölindustrie macht.Hier geht es darum, die besten Argumente zu finden, die für Geld zu kaufen sind.  Sein Gehalt empfindet er als "Entschädigung". Er kündigt und macht sich als Mechaniker- mit ungewisser Zukunft, aber
einer neuen Lebensqualität- selbstständig.
      
Der Autor beschreibt, worin er den Wert des Handwerkes sieht, welche Zukunfts-
aussichten und Ertragschancen es hat. Er vergleicht die Chancen der Arbeitnehmer, die ein
Studium absolviert haben, mit denen die ein Handwerk verrichten und kommt zu einem erstaunlichen Schluß. Früher hieß es :wer gut ausgebildet ist , hat die besten Chancen auf dem Arbeitsmark. Dies ändert sich allerdings in Zeiten der Globalisierung und des Internets: auch Arbeitplätze die einen hohen Bildungsstand erfordern werden ausgelagert: Radiologen, Buchhalter, Programmierer machen grade diese Erfahrung.  Zukünftig wird die Trennlinie auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr zwischen gut oder weniger gut Ausgebildeten verlaufen, sondern ob es sich um eine persönliche oder unpersönliche Dienstleistung handelt.


Doch wieso- fragt der Autor- hat das Handwerk bei vielen einen schlechten Ruf- wieso möchten so wenige junge Leute ein Handwerk erlernen ? Ein Blick in die Vergangenheit hilft diesen Umstand zu verstehen: Als vor hundert Jahren die Fließbänder eingeführt wurden, hatte man massive Probleme "geeignetes" Personal zu finden. Die stolzen Kutschbauer, die man z.B. im Autobau einsetzte kündigten in Scharen, weil Sie es nicht gewohnt waren, derart stumpfsinnige Arbeit zu verrichten. In den Ford-Fabriken war die Abneigung gegen das neue Maschienensystem so groß, dass- wollte man das Personal um 100 Mann aufstocken, 1000 Mann einstellen musste, da die meisten die Fabrik nach kurzer Zeit wieder verließen. Ford sah sich gezwungen den Tageslohn zu verdoppeln und bezeichnete die Lohnerhöhung später als ausgezeichnete Kostensenkungsmaßnahme, da er gleichzeitig die Bandgeschwindigkeit verdreifachte.
Mit dem in der Fabrik verdienten Geld konnten sich die Arbeiter endlich Wünsche erfüllen,
die Ihnen früher verwehrt geblieben waren. Wärend der kleine Handwerker bei seinem Gehalt und auf seinem sozialen Stand blieb, ging es dem Arbeiter finanziell nun besser. Durch den Kauf von Waren erlangte er zu mehr Prestige. Konsum, Ratenzahlung  und Verschuldung führten allerdings auch zu einer Disziplinierung . Arbeiten um das Haus abzubezahlen , den Jährlichen Urlaub zu machen , das grosse Auto zu fahren .Ein Konsumsystem das sich bis heute gehalten hat und in der aktuellen Wirtschaftskriese gipfelte.

Beim Vergleich mit den heutigen Managern schneidet der Handwerker in den Augen Crawfords um einiges besser ab: Der Manager beschäftigt sich eher kurzfristig und oberflächlich mit den Dingen, seine Kariere ist von den persönlichen Beziehungen abhängt, es gibt keine klaren Kriterien für eine Leistungsbeurteilung. Die Kariere kann jäh beendet sein, wenn Restrukturierungsprozesse ins Haus stehen. Der Handwerker hingegen beschäftigt sich  mit ganz konkreten Dingen und stellt sich immer neuen Herausforderungen, er vertieft dabei sein Wissen und schafft es nur durch beharrliches Üben zur Meisterschaft. Unabhängiges Denken und Kreativität sind hier gefordert.
Die Bewältigung einer vollständigen Arbeit, deren Ergebnis in seiner Gesamtheit zu betrachten ist , erfüllt ihn mit Stolz auf das Geleistete (dies ist in grossen Organisationen kaum möglich). Dann beginnt die Arbeit Spaß zu machen und die Linie zwischen Arbeit und Hobby verwischt.
Das ist auch der Grund warum der Autor jungen Menschen das Handwerk für die Berufswahl empfiehlt. Er fügt an , dass man auch ein gutes Leben haben kann , ohne sich Jahrelang durch ein Studium quälen zu müssen: Nur wenige Menschen neigen dazu , nach 12 Jahren der Schule, den Rest ihres Lebens im Büro still zu sitzen. Crawford merkt an , dass heute eine tiefe Kluft zwischen Arbeits- und Privatleben herrscht: In einem häufen wir Geld an und ordnen uns unter bis zur Selbstverleugnung. Im anderen blühen wir auf und fühlen uns wohl. Das Handwerk bietet die Chance einer Einheit von Leben und Lebensunterhaltes. Der Beruf als Berufung.  



Allerdings hebt er die Handwerker auch nicht automatisch auf einen Sockel. Es gibt genügend, die ohne jegliches Interesse, ohne eine Spur der Identifikation werkeln. Die schnell sagen : "Das kann man nicht mehr reparieren , dass müssen Sie neu kaufen." (Der Autor nennt diesen Handwerker "Idiot") Er führt hier den Begriff der Ethik des Bewahrens und der Instandsetzung ein- die engagierter Handwerker verinnerlicht hat. Ein Angriff auf die Wegwerfgesellschaft.
Der Autor dieht das heutige Konsumverhalten kritisch. Vielen Verbrauchern geht es vornehmlich um den günstigsten Preis. Nach dieser Logik ist es sicher günstiger bei einer anonymen Handelskette zu kaufen, doch sollte der Konsument auch anderes bedenken: so z.B. die Umstände unter denen seine Ware in Drittländern produziert wurden oder wer vom Kauf profitieren soll: der Konzern oder die Aktiengesellschaft die auf Gewinnmaximierung aus ist oder ein Individuum aus der Nachbarschaft. Dabei könnte der Verbraucher hier seinen Gemeinsinn zum Ausdruck bringen und dazu Beitragen eine Nische für die aufmerksame Arbeit zu erhalten.


Insgesamt ist das Buch ist ein Plädoye für die Handwerksausbildung .2006 fragte sich das Wall Street Journal , ob der handwerkliche Facharbeiter zukünftig zu den wenigen gehöre , der Aussicht auf ein gesichertes Einkommen habe.  Der Autor schließt: In der Praxis bedeutet das, jene Nische zu finden, in denen wir das individuelle gestaltende Handeln und die Liebe zum Wissen heute , in unserem eigenen Leben verwirklichen können.




 

www.brillenmachergilde.de  | info@manufakturbrille.de